Veränderungen fühlen sie doch Sch*** an

Ja, ist doch so!

Hast du als Rechtshänder schon mal probiert, das Messer beim Essen in die linke Hand zu nehmen?

Oder dich beim Skateboard-Fahren anders herum drauf zu stellen?

Oder mal den Kaffee morgens weg zu lassen, den du schon immer morgen trinkst?

Ach komm, sind wir mal ehrlich, das fühlt sich doch erstmal Sch*** an.

 

Warum sich Veränderungen komisch anfühlen müssen

Unser System kennt zwei Mechanismen, um die Reize zwischen zwei Nervenzellen zu übertragen: elektrische Impulse und biochemische Botenstoffe. In unserem Gehirn gibt es ca. 100 Milliarden Nervenzellen. Ein Gedanke ist, vereinfacht gesagt, ein elektrischer Impuls zwischen zwei oder mehr Nervenzellen. Das sieht man dann als Aktivität auf den Bildern eines Magnetresonanz-Tomographen. Der elektrische Impuls kann aber den synaptischen Spalt, die Lücke zwischen zwei Nervenzellen, nicht von alleine überwinden. Dazu braucht er die Botenstoffe, die Neurotransmitter. Diese bilden eine Art Brücke zwischen den Synapsen und leiten den Strom von A nach B. Jetzt gibt es aber nicht nur einen einzigen Neurotransmitter, sondern viele verschiedene. Sie bilden eine Art Cocktail, der wie ein Zahlenkombination dann genau zu der zu verbindenden Synapse passt.

Fast alles was wir tun, löst die Ausschüttung von Neurotransmittern aus. Sie sind die heimlichen Stars in unserem Organismus.

Und was passiert jetzt bei Veränderungen? Genau, der biochemische Cocktail verändert sich. Der Zahlencode passt erstmal nicht mehr und die Nervenzelle sagt „hey, da stimmt was nicht“. Und das ist genau das komische Gefühl, das wir bei manchen Veränderungen verspüren!

 

Veränderungen bedeuten Gefahr

Dieser Mechanismus lässt sich auch evolutions-biologisch erklären: in grauer Vorzeit hing das Überleben des Einzelnen auch von der Gruppe, seiner Sippe ab. Wer sich von der Gruppe abgewandt hat und alleine losgezogen ist, wurde meist nicht sehr alt. Das hat zur Folge, dass das Gefühl von Zugehörigkeit auch heute noch ein sehr starker Antrieb für uns ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen.

„Erfahrung ist die Summe aller überlebten Fehler“
– Boris Grundl

Konstanz gibt also Sicherheit. Eine Veränderung beinhaltet erstmal das Risiko eines tödlichen Fehlers. Gewohnheiten schützen uns dadurch auch ein Stück weit davor Fehler zu machen.

Zum Glück sind wir als intelligente Wesen in der Lage, das Risiko in einer jeweiligen Situation zu betrachten und neu zu bewerten. Sonst würde kein Anleger, der schon mal Geld an der Börse verloren hat, nochmal Geld in Aktien investieren. Doch das kostet uns mentale Kraft. Wir müssen uns bewusst dafür entscheiden und Energie für die Gedanken aufwenden, ob es sich nun lohnt das Risiko einzugehen oder nicht. Es ist auf jeden Fall bequemer nichts zu tun, bei dem zu bleiben, was ist. Das ist die Komfortzone. Das damit aber der eigene Horizont auf Dauer auch immer kleiner wird, habe ich in dem Artikel „Warum deine Komfortzone über dein Wachstum entscheidet“ schon mal beschrieben.

 

Der Reiz der Gefahr

Vielleicht hast du ja auch schon mal den Reiz der Gefahr gespürt? Das Adrenalin in deinem Körper, wenn wir uns mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug, an einem Seil angebunden eine Brücke hinunter stürzen oder mit rasender Geschwindigkeit den Looping in einer Achterbahn erleben. Vielleicht war es aber auch nur eine Kleinigkeit, die du in deinen Gewohnheiten verändert hast.

Wenn wir bewusst unsere Gewohnheiten verändern, hat das nämlich den wunderbaren Effekt, dass wir uns plötzlich selbst genauer spüren. Das wir die Veränderung bewusst wahrnehmen und uns dadurch lebendig fühlen. Tödliche Monotonie weicht dem kreativen Chaos, oder so ähnlich.

 

Veränderungen am Beispiel Bogenschießen

Beim Bogenschießen erlebe ich das sehr oft. Eine Bewegung, die sich als Gewohnheit etabliert hat, lässt sich über den „Prozess der Veränderung“ verändern. Dazu ist der erste Schritt das bewusst werden. Doch vielleicht hast du die Bewegung gar nicht richtig bemerkt, den zu hohen Ellbogen, den kriechenden Ankerpunkt. Dann kann eine bewusste Veränderung der Schlüssel sein.

Ein Beispiel dass ich häufig erlebe, ist die Rückenspannung beim Bogenschießen. Viele Schützen sind überzeugt davon, mit Rückenspannung zu schießen. Doch mit dem „string bow“ zeigt sich dann, dass die Bewegung noch nicht optimal ist.
Dann stellt sich natürlich die Frage, wie der Schütze das möglichst effektiv verändern kann? Das Wissen allein, welche Muskeln er dafür anspannen muss, reicht nicht aus. Wissen ist noch keine Veränderung.

Dann greife ich zu einer bewussten Veränderung, z.B. in dem ich beim Schuss, den Schützen an den Stellen am Rücken berühre, die er anspannen soll. Diese ungewohnte Änderung in der Bewegung – da piekst plötzlich jemand mit dem Finger in den Rücken – führt dazu, dass der Schütze seine Aufmerksamkeit kurzzeitig auf die Rückenmuskeln richtet. Das heißt nicht, dass er gleich die richtigen Muskeln verwendet, doch er spürt bewusst in die richtige Richtung und bemerkt vielleicht erste Unterschiede. Als Trainer gebe ich dann Feedback, ob es der gewünschte Bewegungsablauf war.

 

Positive Veränderungen

Ein Beispiel für die positive Wirkung einer Veränderung ist der „Hawthorne-Effekt“ über den ich schon mal geschrieben habe: ein neuer Bogen vermittelt uns den Eindruck, plötzlich viel besser zu schießen. Häufig nicht weil der Bogen objektiv gesehen viel besser ist, sondern weil wird durch die Veränderung unsere Aufmerksamkeit wieder auf den ganzen Prozess richten, der schon als Gewohnheit abgespeichert war. Hier fühlt sich die Veränderung nicht komisch an, weil wir sofort durch ein besseres Ergebnis belohnt werden. Dieses Erfolgserlebnis setzt andere Botenstoffe im Gehirn frei, die uns diese Veränderung als positiv erleben lassen.

Und wir stehen einfach auf kurzfristige Belohnungen. Dazu gibt es ein berühmtes Experiment, bei dem Kinder vor die Wahl gestellt wurden, ein Marshmellow gleich essen zu können, oder ein zweites zu bekommen, wenn sie auf den Genuss eine Zeit lang verzichten können. Die Bilder dazu sind sehr aufschlussreich:

 

Coaching und Veränderungen

Genau diese Veranlagung von uns Menschen macht ein effektives Training beim Bogenschießen fast unmöglich, wenn man keinen Trainer hat. Wir vermeiden Veränderungen, wenn wir nicht sofort eine „Belohnung“ dafür bekommen. Unser Körper vermeidet anstrengende Bewegungen, wenn es einfacher auch geht. Ein Trainer ist also dazu da, uns über die Phase der Ablehnung einer Veränderung hinwegzuhelfen, in dem er uns kurzfristig motiviert (Belohnung) und wir ihm vertrauen, dass am Ende das Ergebnis wirklich besser ist und sich der Aufwand für uns auch lohnt.

Und wenn wir uns von der sportlichen Bewegung hin zu unserem alltäglichen Leben, unseren Einstellungen und Verhaltensweisen bewegen, können wir das Wort „Trainer“ einfach durch die englische Übersetzung austauschen: Coach.

Ein Coach hilft, Veränderungen im eigenen Leben zu erreichen, auch wenn die Veränderung sich anfangs komisch anfühlt. Er kann für uns die Veränderung nicht durchführen, das muss jeder selbst tun. Er begleitet uns nur ein Stück auf dem Weg und hilft uns, unser Ziel zu erreichen.

 

Was möchtest du verändern, damit dein Leben noch ein Stück besser wird, als jetzt?

 

 

 

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2 Gedanken zu „Veränderungen fühlen sie doch Sch*** an

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