Mit einer konstanten Kopfhaltung zu konstanteren Treffern beim Bogenschiessen

Warum kostet ein gutes Zielfernrohr für ein Gewehr meist mehr als 1200,- €?

Was heisst überhaupt gut und was hat das mit Bogenschiessen zu tun?

Unterhält man sich mit Gewehrschützen die schon mal ein billiges Zielfernrohr verwendet haben, schimpfen die meisten, dass die Optik durch die Erschütterung nach jedem Schuss verstellt ist. So kann man natürlich nicht kontinuierlich die selbe Stelle treffen.

Bei Bogenschiessen ist unser Kopf unser Visier. Und der ist erstmal ganz schön beweglich.

Heute zeige ich dir, wie du mit dieser Beweglichkeit umgehen kannst, um eine konstantere Kopfhaltung beim Bogenschiessen zu erreichen und so besser zielen und treffen zu können.

 

Die Beweglichkeit unsers Kopfes

Unser Kopf, also eigentlich der Schädel, sitzt auf einem Wirbel der sich Atlas nennt. Durch die Konstruktion des Gelenks, mit dem der Atlas mit dem Schädel verbunden ist, ist dieses Gelenk vor allem für die Nick-Bewegung zuständig. Daher heisst es auch „Ja-Gelenk“.

Der zweite Halswirbel ist der Axis, bei dem ein Zahn nach oben zum Atlas heraus steht. Durch diese Gelenkskonstruktion ist es vor allem für die seitliche Drehung des Kopfes verantwortlich („Nein-Gelenk“). 70% der Kopfdrehung passiert in diesem Gelenk, der Rest über die anderen Halswirbel.

Die verschiedenen Gelenke der Halswirbelsäule sind mit speziellen Muskeln und Bändern verbunden. Bei den Kopfbewegungen sind bis zu 16 verschiedene Muskeln beteiligt. [Fussnote] Durch den Schwerpunkt unseres Kopfes vor der Halswirbelsäule muss er ständig durch die Muskulatur aufrecht gehalten werden. Wir kennen dass, wenn wir einnicken und das Kinn auf die Brust fällt.

Unser Kopf hat also eine sehr hohe Beweglichkeit:

  • Drehung um senkrechte Achse rechts und links je max. 85°
  • Beugen und Strecken in der vertikalen Ebene max. 70°
  • Neigen gegen eine Schulter max. 45°

Durch Kombinationen ist eine Bewegung unseres Kopf in allen drei Raumebenen möglich. Die 6 Einzelgelenke der Halswirbelsäule, zusammen mit den vielen Muskeln und speziellen Bändern ermöglichen dabei sehr präzise Bewegungen.

Doch genug der Anatomie!

Wenn wir diese Informationen für uns als Bogenschützen destillieren, wird klar, dass es eine große Herausforderung für fast jeden Bogenschützen ist, den Kopf bei jedem Schuss wieder in die exakt gleiche Position zu bringen.

Mit einer ständig wechselnden Kopfhaltung wird konstantes Treffen aber zur Glückssache.

 

Gründe für eine wechselnde Haltung des Kopf

Sicher, die vielen Muskeln und Gelenke machen es herausfordernd, den Kopf immer in der selben Position zu halten. Aber wir können ja auch andere komplexe Bewegungen erlernen und konstant wiederholen.

Meiner Meinung nach gibt es für eine wechselnde Haltung des Kopfs beim Bogenschiessen nicht nur körperliche, sondern auch psychische Gründe:

  • Änderung der Kopfposition schon bei beginnender Auszugsbewegung
  • Muken
  • Bewegung des Kopfes beim “Suchen” des Ankers

Diese Bewegungen passieren fast immer unbewusst und haben verschiedene Ursachen.

Änderung Kopfposition beim beginnder Auszugsbewegung

Hierfür ist meist eine falsch antrainierte Verknüfpung von bestimmten Muskelbewegungen verantwortlich. Gerade wenn ein Bogen recht stark ist, werden beim Auszug viele zusätzliche Muskeln angespannt, wie zum Beispiel die großen Rückenmuskeln. Der Schwerpunkt wird dazu über der Hüfte nach hinten, vom Ziel weg, verlagert.

Bei dieser Bewegung geht dann der Kopf auch gleichzeitg in eine andere Position.

Muken

„Muken“ ist ein Begriff aus dem Schiesssport. Der Knall der Munition beim Schuss, nahe an unserem Gesicht, führt zu einem Schutzreflex. Das Unterbewusstsein sorgt bereits einen Wimpernschlag vor dem eigentlichen Schuss oder sogar genau mit dem Schuss dafür, dass der Schütze den Kopf vom Gewehr wegreisst. Für die Präzision natürlich fatal.

Bei vielen Bogenschützen erlebe ich das sehr oft ähnlich.

Gerade wenn als Ankerpunkt der Mundwinkel oder Eckzahn gewählt wird, kommt die Sehne ja sehr nah neben die Nase und an die Wange. Und auch wenn eigentlich nichts passieren kann – die Sehne geht ja gerade nach vorne – will uns unser Unterbewusstsein mit einer Bewegung weg von der Zughand beim Lösen, vor einer eventuellen Verletzung schützen.

Bewegung des Kopfes beim Suchen des Ankerpunkte

Von diesem Problem war ich selbst sehr lange betroffen. Ich war ein „Rührer“. Ich habe mit meinem Kopf meine Hand gesucht, statt mit meiner Hand die Ankerpunkte in meinem Gesicht.

Wie ich das dauerhaft lösen konnte und wie du das auch kannst, verrate ich dir gleich.

 

Die ideale Kopfhaltung beim Bogenschiessen

Die ideale Kopfbewegung im Schussablauf sieht so aus:

Wir richten unseren Körper im 90° Winkel zum Ziel aus, greifen an die Sehne und beginnen mit der Konzentration auf das Ziel.

Bereits jetzt richten wir den Kopf aus. Wir drehen ihn so weit in Richtung des Ziels, dass das Kinn mit der Bogenarmschulter eine Linie bildet. Dazu müssen wir den Kopf maximal drehen und merken das als Anspannung in dem vom Ziel entfernten Kopfwender-Muskel.

Das Kinn ist hoch und nicht auf die Brust gepresst. So als ob uns jemand an einer Schnur aus unser Kopf nach oben ziehen würde.

Eine leichte(!) Neigung des Kopfs seitlich in Richtung Brust ist aber erlaubt. Denn dadurch wird der Kopfwender-Muskeln ein wenig entlastet. Besser wäre aber eine rechtwinklige Ausrichtung der Augen zur Bogenachse.

 

Wie du deine Kopfhaltung sofort verbessern kannst

Ich habe dir ja weiter oben versprochen, zu verraten, wie ich mein eigenes Problem mit der wechselnden Kopfbewegung in den Griff bekommen habe.

Ich habe meinen Ankerpunkt vom Eckzahn weg, hin zu Kinn und Nasenspitze verlegt.

Diese Änderung war am Anfang sehr ungewohnt.

Nicht weil ich am Anfang immer zu hoch geschossen habe. Das lag ja an dem veränderten Abschusswinkel.

Aber vor allem habe ich es seit Beginn meiner Laufbahn als Bogenschütze anders gelernt. 10 Jahre hatte ich diesen Ankerpunkt und die damit verbundenen Zielbilder eingeübt. Dieses bereits tief sitzende Bewegungsmuster zu verändern, war herausfordernd.

Doch das Ergebnis hat mich überzeugt:

  • ich habe jetzt eine deutlich konstantere Kopfhaltung
  • meine Hand geht zum Ankerpunkt, nicht mehr mein Kopf zur Hand
  • ich halte meinen Kopf aufrecht und habe daher eine immer die gleiche Visierlinie
  • das leichte Muken ist auch weg

 

Vor- und Nachteile der verschiedenen Ankerpunkte

Warum wird gerade im traditionellen Bogensport ein Ankerpunkt am Eckzahn gelehrt?

Die häufigsten Argumente sind:

  • Pfeil näher an der Augenlinie
  • Bogen kann schräg gehalten werden

Das erste Argument ist auf jeden Fall richtig. Der Pfeil ist ca. 1 Zoll näher am Auge und damit horizontal parallel zur Visierlinie. Dadurch wird das zielen bis zum Nullpunkt einfacher, da der Abschusswinkel und die Sichtlinie übereinstimmen. Siehe dazu nochmal den Artikel zum Abschusswinkel.

Die große Gefahr dabei ist aber, dass Sichtlinie und Pfeilrichtung nicht mehr parallel sind. Auf dieser Grafik ist das zur Verdeutlichung extrem dargestellt:

seitliche Abweichung bei seitlichem Ankerpunkt

Bei dem seitlichen Anker würde der Pfeil nach links, statt nach vorne zum Ziel zeigen. Das muss der Bogenschütze dadurch ausgleichen, dass er den Bogen weiter nach rechts hält um mit Pfeil und Zughand wieder eine gerade Linie zu bilden.

Dadurch vergrößert sich aber das Kraftdreieck im Vergleich zum Kinnanker:

Kraftdreieck bei unterschiedlichen Ankerpositionen

Dieses Kraftdreieck sollte so klein wie möglich sein. Wenn es so klein wird, dass man es als Linie einzeichnen müsste, hätte der Bogenschütze eine maximale Stabilität in der Bewegung erreicht. In der Realität können wir uns nur bemühen, das Dreieck so klein wie möglich zu machen.

 

Das mit dem Bogen schräg halten ist eine eher kontroverse Sache.

Als Grund dafür wird oft genannt, dass man bei der Bogenjagd ein breiteres Sichtfeld hat bzw. dass das Ziel für das dominante Auge nicht vom Bogen verdeckt wird. Auch soll es ermöglichen, aus ungewöhnlichen Positionen, z.B. unter einem Ast leichter durchschiessen zu können.

Tatsächlich steht der Bogen beim Ankern unter dem Kinn im Blickfeld des Schützen. So lange der Bogen aber ein ausreichend großes Bogenfenster hat, also in der Mitte eingeschnitten ist, hat der Schütze trotzdem mit beiden Augen freie Sicht auf das Ziel.

Bogen im Sichtfeld bei unterschiedlichen Ankerpositionen

Für einen reinen Holzbogen mag ein seitliche Anker also wirklich vorteilhaft sein. Ich bin sogar davon überzeugt, dass das der Hintergrund ist, warum sich beim traditionellen Bogenschiessen der seitliche Anker durchgesetzt hat.

Allerdings haben fast alle modernen Bögen  inzwischen deutlich eingeschnittene Bogenfenster. Nicht nur wegen dem größeren Sichtfeld, sondern vor allem, da es die Wahl des richtigen Spinewert der Pfeile vereinfacht.

Mit dem Anker unter dem Kinn muss man auch den Kopf aufrecht haben und damit den Bogen senkrecht halten.

Für das Bogenschiessen als Selbsterfahrung, auf das ich mich fokussiere, funktioniert das hervorragend.

Auch im Gelände habe ich nach einer kurzen Umgewöhnungsphase sehr gute Erfahrungen mit dieser Haltung gemacht. Die konstantere Kopfhaltung, die zu einem konstanteres Pfeilflug führte, wiegt für mich die wenigen Situationen auf, in denen ich mit einem gekippten Bogen evtl. bequemer hätte schiessen können.

Das mehr an Reichweit gab es als Bonus noch dazu. 🙂

 

Fazit

Für mich ist das Ankern unter dem Kinn mit der Nasenspitze als zweiter Referenzpunkt auch beim traditionellen Bogenschiessen der bessere Ankerpunkt.

Voraussetzung ist aber ein modernen Bogen mit einem möglichst großen Schussfenster. Bei einem Holzbogen würde ich wieder den Anker am Eckzahn empfehlen.

Du erreichst mit dem Anker unter dem Kinn eine stabilisierte Kopfhaltung und damit eine konstantere Optik beim Zielen. Noch dazu erhöht sich die Reichweite.

Unter welchen Voraussetzungen würdest du deinen gewohnten Ankerpunkt verändern?

 

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3 Gedanken zu „Mit einer konstanten Kopfhaltung zu konstanteren Treffern beim Bogenschiessen

  • 11.06.2016 um 16:41
    Permalink

    Ich habe auch am Anfang am Mundwinkel geankert, aber bin dann schnell durch das String Walking zum Ankern am Kinn über gegangen. Und es ist einfach besser, man hat mehr Stabilität als beim Ankern am Mundwinkel.

    Antwort
  • 12.06.2016 um 15:05
    Permalink

    Könntest Du das bitte mal auf einem Bild oder mini-Filmchen zeigen?
    Vielen Dank, auch mal wieder für diesen Beitrag, Goetz

    Antwort
    • 13.06.2016 um 11:34
      Permalink

      Danke für die Anregung. Ich schau mal, was ich da machen kann. 😉

      Antwort

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