Reichweite von Pfeil und Bogen: so kommst du ganz einfach ein Stück weiter

Wie weit schiesst dein Bogen?

Wie weit kann man überhaupt mit einem Bogen schiessen?

Das sind Fragen, die ich häufige gestellt bekommen habe.

Reichweite eines Bogens und der Einsatzzweck

Beim meditativen Bogenschiessen stehen die Scheibe als reiner Pfeilfang sehr nah. Reichweite spielt also keine Rolle.

Beim 3d oder traditionellen Bogenschiessen steht ein Ziel max. 56m weit entfernt. Eine hohe Reichweite durch einen starken Bogen erleichtert also das zielen.

Die Distanz, bei der man den eigenen Referenzpunkt noch genau auf das Ziel halten kann um zu treffen, nennt man Nullpunkt.

Nullpunkt und Reichweite
Ist ein Ziel weiter entfernt als der Nullpunkt, muss man darüber halten. Das heisst, der Pfeil wird in einem positiven Winkel nach oben abgeschossen.

Die maximale Reichweite erreicht man bei einem Abschusswinkel von 45°.

Reichweite von Bögen früher und heute

Eine maximale Reichweite von Pfeil und Bogen war zum Beispiel im Mittelalter sehr wichtig. Damals waren Pfeil und Bogen bedeutende Kriegswaffen und keine Sportgeräte.

Je weiter man schießen konnte, desto weniger nah kam der Gegner. In manchen Filmen sehen wir diesen Art zu schiessen heute noch als „Pfeilhagel“.

Mit dieser Art zu schiessen ist es aber nahezu unmöglich ein Ziel exakt zu treffen. Allein in die Nähe eines Ziels zu kommen ist schon schwierig. Das kann jeder bestätigen, der schon mal das so genannte Clout Schiessen probiert hat. Dieser mittelalterliche Form des Bogentrainings, ursprünglich zu Kriegszwecken etabliert, wird gerade in England auch heute noch praktiziert.

Dabei wird versucht, mit Kriegsbögen, den berühmten englischen Langbögen die bis zu 120# Zuggewicht haben, auf eine Distanz von bis zu 165m möglichst nahe an eine Fahne heranzukommen. Bei uns ist diese Form von Bogenwettbewerb eher selten. Vielleicht auch, weil es in unserem dicht besiedelten Gebieten nur schwerlich wirklich sicher zu gestalten ist.

Das Gefühl, einen Pfeil richtig lange fliegen zu sehen, ist aber wirklich schön.

Mahmoud Effendi, ein Sekretär der türkischen Botschaft in London, soll 1795 mit einem Bogen 482 yards, also 441m, weit geschossen haben.

Auf die Spitze treiben es die flight Wettbewerbe in der Bonneville Salzwüste in Utah, USA. Hier versuchen jedes Jahr, die verschiedensten Bogenbauer, möglichst weit zu schießen. Die Bögen überleben dabei oft nur einen einzigen Schuss. Der Rekord mit einem regulären flight Bogen stammt dabei aus dem Jahr 1987. Don Brown erreichte damals 1222,01m an Reichweite, also 1,2 Kilometer!

Einflussfaktoren für die Reichweite eines Bogens

Wie kann man nun mit Pfeil und Bogen so weit schiessen? Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle und die maximale Reichweite erzielt man mit:

  • einem möglichst starken Bogen
  • einem möglichst kurzen Bogen
  • möglichst kurzen Pfeilen
  • einem Abschusswinkel von 44 – 45°

Die Stärke eines Bogens beeinflusst die Kraft die den Pfeil beschleunigt. Das ist sicher die offensichtlichste Komponente.

Ein möglichst kurzer Bogen überträgt mehr dieser Kraft auf den Pfeil durch weniger Verluste über die Massebeschleunigung der Wurfarme.

Je kürzer die Pfeile, desto weniger Masse, desto weniger Eigenschwingung und desto weniger Windwiderstand haben sie. Bei den Flightbögen sind sogar overdraws erlaubt, also Verlängerungsschienen, die es ermöglichen, eigentlich viel zu kurze Pfeile zu schiessen.

Durch die Erdanziehung und die ballistische Flugkurve ist der Abschusswinkel von 45° optimal.

Die eigene Reichweite steigern

Wenn wir nun aber den Bogen weder zu Kriegszwecken verwenden, noch Clout- oder Flight-Schiessen betreiben, warum sollte uns dann die Reichweite unseres Bogens überhaupt interessieren?

Weiter oben habe ich ja schon geschrieben, dass ein möglichst weiter Nullpunkt hilfreich beim zielen ist. Je weiter der Nullpunkt, bei desto weiter entfernten Zielen kann man noch „draufhalten“.

Auch haben wir uns schon die Einflussfaktoren für eine maximale Reichweite angesehen. Die Bogenstärke und -länge ist gegeben durch deinen Bogen, mit dem du schiessen willst. Bei den Pfeilen nehmen wir an, dass du sie eh optimal in der Länge abgestimmt hast.

Also bleibt der Abschusswinkel als Variable.

Klar ist, dass wir das Bogen-T, also die Achse der Körpermitte zu einer gedachten Linie aus Pfeil und Zugarm, immer beibehalten. Hoch- und Tiefschüsse erreichen wir durch das Beugen im Rumpf, doch damit wandert auch unsere Zieloptik höher oder tiefer. Das ist mit dem Verschieben des Nullpunkt nicht gemeint.

Wir können aber den Abschusswinkel auch variieren, ohne die Zieloptik zu verändern. Wie? In dem wir einen anderen Ankerpunkt wählen.

ankerpunkte und reichweite
Die Grafik stellt die Auswirkung eines veränderten Ankerpunktes vereinfacht dar. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Bogenarm in einer konstanten Position bleibt!

  • Ankerpunkt 1 (AP1): zum Beispiel am Mundwinkel, typisch für das traditionelle Bogenschiessen
  • AP2: unter dem Kinn, typisch im olympischen Bogenschiessen
  • AP3: am Jochbein

Der Ankerpunkt 1 ist in diesem Beispiel die 0°-Linie. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man es gewohnt ist, am Mundwinkel zu ankern.

Dann würde sich eine Veränderung des Ankerpunkts zum Beispiel unter das Kinn (AP2) positiv auf den Abschusswinkel auswirken. Du wirst dann zunächst über das Ziel schiessen, also zu hoch.

Wenn du das Jochbein als Ankerpunkt wählen würdest (AP3),  verändert sich der Abschusswinkel negativ und daher würdest du zu kurz schiessen.

Welche tatsächliche Winkeländerung in Grad sich aus den unterschiedlichen Ankerpunkten ergibt, lässt sich nicht pauschal sagen. Das hängt zum Beispiel von der Größe des Gesichts ab. Ein Richtwert für diese Beispiele sind 5°.

Wenn man den Ankerpunkt laufend wechselt, je nach dem wie man die Entfernung zum Ziel einschätzt, nennt man das „face walking“. Eine weitere bekannte Zielmethode, die ich aber auf Grund der Komplexität nicht empfehlen kann.

Fazit

Wenn du also einen Bogen mit einer geringeren Zugkraft verwendest und deinen Nullpunkt weiter hinausschieben möchtest, probiere mal, unter dem Kinn zu ankern.

Bleibe konstant bei diesem Ankerpunkt und du wirst dich in kurzer Zeit an die neue, größere Reichweite deines Bogens gewöhnen.

Dieser Ankerpunkt hat noch einige weitere Vorteile, auf die ich aber in einem der nächsten Artikel eingehe.

 

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16 Gedanken zu „Reichweite von Pfeil und Bogen: so kommst du ganz einfach ein Stück weiter

  • 3.06.2016 um 21:25
    Permalink

    Gute, leicht verständliche Ausführung/ Erklärung eines äußerst komplexen Vorganges.
    Prima!
    LG
    Hajo

    Antwort
  • 4.06.2016 um 09:35
    Permalink

    Wieder eine tolle Info, dankeschön,
    LG. Wilhelm

    Antwort
  • 4.06.2016 um 10:05
    Permalink

    Vielen Dank!
    Auch für viele andere Artikel!
    Und auf weitere Ausführungen zum Ankern am Kinn/in Kinnhöhe bin ich gespannt.

    Antwort
    • 8.06.2016 um 18:31
      Permalink

      Gerne. 🙂
      Was interessiert dich denn da am meisten?

      Antwort
  • 4.06.2016 um 16:27
    Permalink

    Vielen dank von der archeryboy aus Belgien. Sehr gute informaton !

    Antwort
    • 8.06.2016 um 18:32
      Permalink

      Cool! Grüße zurück nach Belgien!

      Antwort
  • 5.06.2016 um 17:06
    Permalink

    Super erklärt, dennoch eine Frage. Was passiert mit der Abweichung seitlich wenn man gewohnt ist den Bogen und damit Kopf und Oberkörper schräg zu halten. Dann sollte doch bei einem Ankerpunkt am Kinn nicht nur hoch sondern auch rechts getroffen werden. Gruß Toni

    Antwort
    • 8.06.2016 um 18:32
      Permalink

      Danke Toni, für die Frage. Ich werde versuchen, dass in einem der nächsten Artikel ausführlich zu beantworten.

      Antwort
      • 27.10.2016 um 19:26
        Permalink

        Hallo, gute Erklärung, allerdings muss folgendes beachtet werden. Gerade beim 3D schießen, muss der schütze das Ziel ja sehen können. Bei den Recurvebögen lässt das Bogenfenster aber bei einem Ankerpunkt unter dem Kinn oftmals gar keine Sicht auf das Ziel zu, weil das Bogenfenster „zu tief“ gehalten wird. Dann verdeckt der obere Wurfarm oder der Teil des Mittelteils das Ziel, gerade bei näheren Schüssen. Folglich Ankern viele 3D schützen dann höher (Mundwinkel, etc.). Ein ankern unter dem Kinn bringt also gerade bei visierlosen bögen dann wiederum andere Probleme mit sich.

        Antwort
    • 10.01.2017 um 14:01
      Permalink

      Das Schräghalten ermöglicht einen besseren Blick auf das Ziel und mit einiger Übung ist die seitliche Abweichung auch in deinem instinktiven Ablauf berücksichtigt. Wenn du dich nicht von Gedanken und Entfernung berechnen ablenken lässt triffst du automatisch (einen sauberen Schussablauf vorausgesetzt). Denn alles ist Konzentrationsache und das betrifft nur den Punkt den du treffen willst … versenke dich in Gedanken hinein.

      Antwort
  • Pingback: Konstante Kopfhaltung beim Bogenschiessen erreichen

  • 10.01.2017 um 10:36
    Permalink

    Interessant eure Ausführungen.
    Zu Jochen: versuche mal den Bogen beim Abschuss, 18Grad schräg zu halten. Damit erhältst Du einen wunderbaren Durchblick und nach einigem Üben auch ein besseres Trefferbild.
    Zum gegebenen Tema der grösseren Reichweite: Eine flachere Pfeilflugbahn erreicht man durch grössere Leistung, welche durch Kürzung des Langbogen und damit einem heikleren Abschussverhalten oder Verjüngen (Verringern des Gewicht im Aussenbereich) der Bogenenden und damit einer Peitschen- oder Recurvewirkung und damit weniger Handschock und exzellentem Abschussverhalten.

    Antwort

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