Wie stark sollte mein Bogen sein?

Heute greife ich eine echte Grundsatzfrage vieler Einsteiger in den Bogensport auf: wie stark sollte mein Bogen sein zum anfangen?

Im Internet finden sich die verschiedensten Tabellen und Empfehlungen. Jeder Trainer hat wahrscheinlich auch noch seine eigene Meinung dazu.

Also versuchen wir mal, das ganze etwas strukturierter anzugehen und stellen uns daher ein paar grundsätzliche Fragen:

  • Was ist der Einsatzzweck meines Bogens?
  • Mit welcher Methode werde ich schiessen?
  • Wie sind meine anatomischen und konstitutionellen Voraussetzungen?

Aus den Anworten lässt sich nämlich bereits ableiten, wie stark mein Bogen sein sollte.

Die Frage nach dem Einsatzzweck

Der Zweck, zu dem wir Bogenschiessen, wirkt sich absolut unmittelbar auf die benötigte Kraft des Bogens aus.

Will ich mit Pfeil und Bogen tatsächlich jagen, brauche ich für die Erlangung der Bogenjagdprüfung des DBJV mindestens einen 50# Bogen. Punkt.

Und mit dem muss ich in der Prüfung präzise treffen. Nur dann wäre zusammen mit einem Pfeil, der eine ausreichende Durchschlagskraft hat, eine waidgerechte Jagd gegeben.  Waidgerecht bedeutet dem Tier unnötiges Leid zu ersparen.

Da die Bogenjagd in Deutschland und Österreich gesetzlich verboten ist, kommt dieser Einsatzzweck also nur für eine sehr kleine Gruppe an Bogenschützen in Frage.

Wenn ich den Bogen zur mentalen Entspannung einsetzen möchte, ist ein so geringes Zuggewicht wie möglich sinnvoll. Denn nur dann hat mein Geist überhaupt die Möglichkeit, sich voll auf ganz auf das Ziel, den Schuss und das Erleben bei dem Schuss zu konzentrieren. Solange wir damit – auch unbewusst – beschäftigt sind, den Bogen überhaupt richtig auszuziehen, wird sich kein Entspannungszustand einstellen. Wir werden so die Magie des Moments vor dem lösen der Sehne nur selten erleben.

Ein olympischer Bogenschütze versucht eine größere Anzahl an Pfeilen in einem Durchgang möglichst in die Mitte der Zielscheibe zu bringen. Das Zuggewicht muss also so gewählt sein, dass der Schütze die Belastung trotz der großen Anzahl an Wiederholungen aushält und sein Körper dabei in der Lage ist, die exakt selbe Bewegung immer wieder zu reproduzieren. Und trotzdem muss das Zuggewicht so groß gewählt sein, dass die Ziele in der vorgegebenen Entfernung von bis zu 90m überhaupt erreicht werden können. Hier machen die Gesetze der Physik klare Vorgaben.

Will man nur ab und zu auf einem Parcour ein wenig schiessen und hauptsächlich die Natur genießen, muss man zu einem Kompromiss greifen. Der Bogen muss so stark sein, dass der Pfeil ein Ziel in bis zu 56m Entfernung mit einer möglichst flachen Flugbahn treffen kann. Er darf aber nur so stark sein, dass ihn der Schütze mit einem halbwegs passablen Technik auch beim letzten Ziel auf dem Parcours noch ausziehen kann. Denn wer nicht regelmäßig und ausreichend trainiert, wird nicht die Kraft haben, einen starken Bogen mit einer sauberen Technik zu schiessen.

Zu dieser letzte Gruppe, zu der wohl die meisten traditionellen Bogenschützen gehören,  hat es am schwersten, das richtige Zuggewicht zu finden, da der Einsatzzweck schon mal ein Kompromiss ist.

Hinzu kommt nun die Methode des Zielens, die die Wahl des Zuggewichts beeinflusst.

Die Methode des Zielens

Wenn man sich die Flugbahn eines Pfeils ansieht, dann spricht man vereinfacht von einer Wurfparabel. Das betrifft nicht nur Pfeile, sondern alle antriebslosen Geschosse und wird auch Aussenballistik genannt.

Ab einer gewissen Distanz, muss das Geschoss über die Höhe des Ziels steigen um dann, gebremst durch Windwiderstand und Erdanziehung, das Ziel in genau der richtigen Höhe zu treffen.

Darstellung der Wurfparabel

Das ist der Grund, warum Gewehre auch mit einem Zielfernrohr erst mal eingeschossen werden. Dabei wird das Gewehr eingespannt oder in einer festen Position aufgelegt. Dann wird auf eine bekannte Entfernung, meist 100m, das Fadenkreuz so verstellt, dass der Treffer des Geschoss in der Entfernung und die Mitte des Fadenkreuz übereinstimmen. Der Kreuzungspunkt der Visierlinie mit der Geschosslinie wird im Ziel überein gebracht.

Bei einem Bogen mit Visier wird genau so vorgegangen. Statt Zielfernrohr hat man das Peep in der Sehne und das oder die Pins im Visier.

Auf eine bekannte Distanz halte ich dann den Pin genau ins Ziel und kann die eigentliche Flugbahn des Pfeils ignorieren.

zielsystem über die pfeilspitzeNun verwenden die meisten Bogenschützen beim traditionellen Bogenschiessen aber gar kein bewusstes Visier. Bewusstes Visier? Genau, denn ganz oft wird die Pfeilspitze oder ein Element des Bogens als unbewusstes Visier verwendet.

Auch wenn man nicht bewusst auf die Pfeilspitze achtet, so speichern sich beim Training bestimmte Zielbilder im Kopf ab, bei dem die Pfeilspitze oder ein anderes, markantes Element, in einem bestimmten Bezug zum Ziel abgespeichert werden, wenn man trifft.

Tritt der Schütz mit so einem System an den Pflock, versucht er unterbewusst die aktuelle Situation mit seinen gespeicherten Bildern abzugleichen und eine Bewegung auszuführen, bei der das Zielbild der Pfeilspitze einem gespeicherten Bild entspricht, dass mit der Emotion eines Treffers verknüpft ist.

Je größer die Anzahl der verfügbaren Bilder und je identischer die Situation, desto häufiger der Treffer.

Ist das Ziel aber nun ausserhalb der Reichweite des Bogens, muss der Pfeil also in einer Wurfparabel über die Höhe des Ziels fliegen um es in der Entfernung in der richtigen Höhe zu treffen, muss die Pfeilspitze über das Ziel gehalten werden.

Und hier hat der Schütze keinen verlässlichen, visuellen Referenzpunkt mehr. Der Schuss wird als ausgesprochen schwer empfunden. Das lässt sich sehr gut bei Zielen feststellen, die in größerer Entfernung mitten auf einer Wiese stehen. Das Auge hat keinen visuellen Referenzpunkt, das Entfernung schätzen wird durch fehlende Elemente in der Umgebung zusätzlich erschwert und man braucht einige Schüsse, bis man weiß, wie weit man „drüber halten“ muss.

Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch der 3D-Schützen nach einer möglichst gestreckten Flugbahn des Pfeils absolut verständlich. Einfach die Pfeilspitze ins Ziel halten und Treffer.

Dieses Verhalten kann man auf zwei Wegen erreichen: durch immer leichtere Pfeile und eben durch einen stärkeren Bogen.

Noch dazu kann ein starker Bogen auch Schwächen zum Beispiel beim release, also beim loslassen der Sehne kompensieren. Dieses Lösen sollte idealerweise unbewusst erfolgen. Irgendwann machen die Finger einfach auf, wenn sich das optimale Gefühl für den Schuss eingestellt hat. Kommt das Gefühl nicht, z.B. weil der Bogen zu stark ist, reisst er einem die Sehne wenigsten förmlich aus den Fingern und der seitliche Impuls auf die Sehne durch das bewusste Lösen wird nicht so deutlich.

Beim Enspannungs-Bogenschiessen, ist das Treffen eine Konsequenz. Wenn alles zusammen passt, Körper, Seele und Geist in Einklang sind, dann stellt sich ein Gefühl der Ruhe, ein innerer Frieden ein. Und dann trifft man sein Ziel. Dieser Treffer ist die ultimative Bestätigung für das Gefühl.

Das ist inzwischen das, was mich am Bogenschiessen noch mehr fasziniert. Ich nenne es den „Wow-Effekt“. Hierzu arbeite ich gerade an einem ausführlichen Konzept, damit ich es anderen Bogenschützen möglichst einfach und effizient vermitteln kann. Denn dieses Gefühl macht süchtig und die Gewissheit, sich auf sein eigenes Gefühl verlassen zu können, empfinde ich in unserer logik-orientierten Gesellschaft als sehr stärkend.

Und diese Gefühl tritt eben leichter ein, wenn der Körper den Bogen möglichst leicht beherrschen kann, denn dann bleibt auch Kraft zur Konzentration auf das Ziel und das Gefühl.

Wenn man sich die Frage nach der eigenen Zieltechnik und der eigenen Ziele beim Bogenschiessens als Hobby überhaupt bewusst macht, kann man abschätzen, ob man eher einen stärkeren oder einen schwächeren Bogen möchte.

Doch wie stark soll er denn nun sein?

Dazu ist es wichtig zu verstehen, wie die Kraft bei Bögen überhaupt angegeben wird.

Standardisierte Angabe des Zuggewichts

Die AMO – heute ATA – hat in Ihren Standards festgelegt, dass die Kraft eines Bogens bei einem Normauszug von 28″ gemessen wird.

Daher steht auf einem Bogen zum Beispiel 35#@28″, was sich liesst wie „35 englische Pfund bei 28 Zoll Normauszug„.

Der traditionelle Bogen ist physikalisch gesehen eine Feder. Je weiter man ihn auszieht, desto stärker wird er. Sieht man sich in einem Kraft-Wege-Diagramm an, wie die hoch die Kraft eines Bogens bei den verschiedenen Auszugslängen ist, erkennt man deutlich die Auswirkung unterschiedlicher Auszugslängen.

Kraft-Wege-Diagramm

Körperliche Voraussetzungen des Schützen

Spätestens seit Leonardo DaVinci wissen wir, dass die Armlänge eines Menschen in der Regel proportional zur Körpergröße ist.

Da Vinci's Der vitruvianische Mensch, Proportionsstudie nach Vitruv 1492
Copyright Luc Viatour / www.Lucnix.be

„Die schlaff herunterhängenden Arme sind so lang, dass die Fingerspitzen die Mitte der Oberschenkel erreichen. Die Spannweite der Arme (von Fingerspitze des Mittelfingers zu Fingerspitze) entspricht der gesamten Körpergröße.“ (q: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperproportion)

Eine vereinfachte Bestimmung der Auszugslänge eines Bogenschützen ist: „Spannweite“ / 2,5

Nehmen wir nun den Beispielbogen aus dem Kraft-Wege-Diagramm der mit 35#@28″ beschriftet ist und zwei unterschiedliche Bogenschützen:

  • Schütze 1:
    • 1,60m Körpergröße
    • Auszugslänge geschätzt: 25″
    • Kraft des Bogens im Vollauszug: 29,23#
  • Schütze 2:
    • 1,90m Körpergröße
    • Auszugslänge geschätzt: 30″
    • Kraft des Bogens im Vollauszug: 39,00#

Der selbe Bogen, mit 35# beschriftet und einmal muss der Schütze eine Kraft von 39# aufbringen und einmal nur 29#! Das sind 10# Unterschied die sich ganz sicher auf die Reichweite des Bogens und die Rasanz der Pfeile auswirken.

Diese Angabe auf dem Bogen ist also im wesentlichen für Bogenhändler hilfreich, damit sie bei einer Beratung in ungefähr das richtige Regal greifen. Für einen Bogenschützen selber ist die Beschriftung nur dann hilfreich, wenn er seine Auszugslänge kennt und damit die Kraft auf den Fingern tatsächlich abschätzen kann.

Muskeln und Gelenke

Eine weitere konstitutionelle Voraussetzung ist die Belastbarkeit des Körpers des Bogenschützen. Nicht jeder hat gleich belastbare Gelenke, Muskeln und Sehnen.

Viele Bogenschützen klagen nach einigen Jahren über Schmerzen in der Schulter der Zughand. Dies lässt sich leider sehr häufig auf die Verwendung von zu starken Bögen zurück führen. Denn diese Belastung führt über die Jahre zu einer Verengung der Sehnenkanäle und dann zu diesen Schmerzen. 
Leider glauben das die wenigsten Bogenschützen am Anfang. Fehlende Konstitution wird mit einer mangelnden Kondition verwechselt. Natürlich gewinnt die Schulter- und Rückenmuskultur an Kraft bei gezieltem Training. Aber die Sehnen und Gelenke werden nicht stärker!

Das Problem trifft nach meiner Beobachtung häufiger bei Männern zu, als bei Frauen. Hier spielt das Ego einen Streich, wenn man sich mit einem starken Bogen männlicher fühlt, als mit einem „Mädchenbogen“.

Dieses Phänomen kann man auch gut daran erkennen, wenn jemand zwar einen Bogen hat, der mit 50# beschriftet ist, aber deutlich kürzer auszieht, als es seine Arme zulassen würden und der Schütze so viel weniger Kraft auf den Fingern hat. Mit einem passenderen Bogen hätte er die selbe Kraft zur Verfügung, um seine Pfeile beschleunigen, bei einer optimaleren Haltung.

Fazit

Bringen wir es auf den Punkt, auch wenn es eine unbequeme Wahrheit ist: eine schlechte Technik kann man mit einem starken Bogen wettmachen, solange der Körper es mitmacht.

Die Frage wie stark mein Bogen sein sollte hängt von den hier ausgeführten Faktoren ab.

Wer in der Freizeit mit dem 3D-Bogenschiessen beginnen möchte, dem rate ich aber dazu, lieber mit wenig Zuggewicht zu beginnen und sich dafür eine saubere Schusstechnik anzueignen. Dann kann man das Zuggewicht langsam steigern, bis zu dem Punkt an dem man eine optimale Synthese aus flacher Flugbahn und konstant beherrschbarer Kraft erreicht hat.

Wem die Kosten für einen jeweils neuen Bogen zu hoch sind, kann auf dreiteilige take down Bogen zurück greifen. Hier wechselt man einfach die Wurfarme aus und das ist meist günstiger als ein neuer Bogen.

Für das entspannte Bogenschiessen reichen 15# – 20# aus, um möglichst leicht, dieses wunderbare Gefühl der inneren Ruhe zu erlangen und sich selbst zu spüren.

12 Gedanken zu „Wie stark sollte mein Bogen sein?

  • 4.03.2016 um 21:25
    Permalink

    Ein sehr gelungener Beitrag meines Erachtens. Super!!!

    Antwort
  • 5.03.2016 um 07:57
    Permalink

    Hallo Jean,
    Ein guter Beitrag, denn genau das ist es, was ich meinen Kunden und Gästen immer erkläre!!

    Antwort
    • 6.03.2016 um 11:23
      Permalink

      Hallo Harald,
      es freut mich, wenn du auch diese Ansicht vertrittst. So behalten unsere Kunden lange Freude an Pfeil und Bogen.

      Antwort
  • 5.03.2016 um 08:35
    Permalink

    Hallo Jean,

    der Artikel gefällt mir auch sehr gut, bringt alles was das Bogenschießen ausmacht zusammen! Stellt sich aber mir die Frage wie stark muss der Bogen sein, dass der Pfeil 50 m weit mit einer anständigen Flugbahn fliegt? Man kann den Pfeil ja auch nicht unbegrenzt leicht machen, ohne Spitze ;-)!

    Antwort
    • 6.03.2016 um 11:28
      Permalink

      Hallo Stephan,

      was ist „anständig“? Wie ist das Wetter? Ebene Fläche oder Gelände? Scheibe oder 3D? Wie oft trainierst du und wie gut ist deine Technik? Mit Visier oder ohne? … 😉
      Du merkst schon, es gibt darauf keine einfache Antwort.

      Wenn es dir rein um die Theorie geht, such bei Google mal nach der Formel für den schiefen Wurf. Die muss aber Faktoren wie Wind und Größer der Federn auf dem Pfeil usw. vernachlässigen, daher habe ich sie auch aus dem Artikel raus gelassen. Zu wenig praktischer Nutzen.

      Antwort
  • 7.03.2016 um 20:21
    Permalink

    Hallo J-C,

    der Artikel war gut – in dem Zusammenhang mit der Stärke des Bogens kommt mir gleich eine andere Frage im Sinn.
    Welche Regeln kann man in Bezug auf Bogenlänge aussprechen. 58 Zoll, 60 Zoll u.s.w.
    Und in dem Zusammenhang – was bringt z.B. ein großes Mittelteil in Verbindung mit kurzen Armen oder Langes Mittelteil u.sw.
    Das wäre doch auch mal einen Beitrag im Bogenblog wert.

    Gruß Rudi

    Antwort
    • 7.03.2016 um 21:13
      Permalink

      Danke, Rudi, für den Kommentar und die Anregung!

      Antwort
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